Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
Wilhelm Busch
Die menschliche Fähigkeit, Kränkungen zu verarbeiten, wird in der modernen Arbeits- und Beziehungswelt oft genug überlastet. Strukturen zerbrechen, die lange verlässlich schienen. Die neuen Ordnungen sind selten besser, nur anders als die alten, unerwartete Schattenseiten trüben Illusionen über blühende Landschaften. Neuartige soziale Phänomene, wie Mobbing und Stalking, signalisieren eine überlastete Kränkungsverarbeitung.
Wer Angst hat, sucht nach einer Zuflucht; je mehr Angst er hat, desto mehr Sicherheit muss diese Zuflucht versprechen, desto verführerischer wird es, sie um jeden Preis zu erreichen. Angst kann Menschen sehr grausam machen. Eifersüchtige Partner, die sich unablässig mit Vorhaltungen plagen, Eltern, die ihre Kinder heftigstem Druck aussetzen, handeln oft ähnlich rücksichtslos wie die Täter/Opfer einer Massenpanik, die Schwächere zu Tode trampeln.
Angesichts solcher panischen Rücksichtslosigkeit hat es der Humor nicht leicht. Das Streben nach einer perfekten Lösung lässt sich durch Humor nicht irritieren. Im Gegenteil: Es entwertet den Humor (»Sie nehmen das Problem nicht ernst!« »Achten Sie auf die Würde des Tribunals!«). Oder es greift nach dem Humor und will ihn erzwingen. »Wir haben doch in der letzten Therapiestunde vereinbart, dass wir humorvoller miteinander umgehen. Und jetzt nimmst du meine Kritik schon wieder so bitter ernst!«
16.07.2011: Humor und Ironie (Tageszeitung Neues Deutschland).
